Pressestimmen:

 

Vortrag über Goethe und die Juden: Ein ambivalentes Verhältnis

 

Wolfgang Bunzel aus Frankfurt hielt im Haus der Begegnung einen Vortrag über das Verhältnis von Goethe zu den Juden: „Da gibt es nichts schönzureden.“

 Goethes Verhältnis zu den Juden war ambivalent und aus heutiger Sicht schon gar nicht politisch korrekt. Literarisch hat er sich nur einmal dezidiert über das Judentum geäußert: In „Dichtung und Wahrheit“ – quasi seine Autobiografie – gibt es eine Rückblende, die in die Judengasse Frankfurts führt und die dortigen Verhältnisse beschreibt: „Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck . . . Indessen blieben sie doch das auserwählte Volk Gottes. Außerdem waren sie ja auch Menschen, tätig, gefällig . . .“ Dieses Zitat war Wolfgang Bunzels Ausgangspunkt für seinen Vortrag „Goethe, Bettine Brentano und die Frankfurter Juden“ im Haus der Begegnung auf Einladung der Goethe-Gesellschaft.

 

Nicht nur über Goethe und die Juden zu referieren, vielmehr Bettine Brentano, (später Bettina von Arnim) mit einzubeziehen, war nicht nur sinnfällig, weil der Referent Leiter der Brentano-Forschungsabteilung am Frankfurter Goethehaus/Freies Deutsches Hochstift ist. Vielmehr kann des Dichters Verhältnis zu den Juden kaum ohne Bettine behandelt werden. Denn der in Weimar lebende Goethe bekam vor allem von ihr Informationen über die Entwicklung und Stellung der Juden in Frankfurt. Allerdings sei die Briefeschreiberin für Goethe kaum mehr gewesen als „Materiallieferantin“, so der Referent: Auf die Belange der Schreiberin sei er nicht eingegangen, was diese immer wieder bemängelt habe.

 

Kritische Haltung

Grundsätzlich steht Goethe den emanzipatorischen Bestrebungen der Juden kritisch gegenüber. Ganz im Gegensatz zu Bettine. Und so deutet Wolfgang Bunzel Goethes Jugenderinnerungen als distanzierte Darstellung eines Geschlechts, das er nur geschichtlich als Volk Gottes sehe, das Individuelle bleibe außen vor. Ganz anders Bettina von Arnim. Schon in den Briefen an Goethe, aber noch dezidierter in ihrem Buch „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“, das sie nach dessen Tod veröffentlichte und für das sie echte wie fingierte Briefe nutzte, stellte sie ihre Haltung dar. Ihr Bestreben war die Emanzipation der Juden, die über eine gemeinsame Erziehung erreicht werden könne.

 

Lese man Goethes Beschreibung der Judengasse aus der Sicht Bettina von Arnims, dann werde die zu einem entlarvenden Text ohne jede Empathie, nur das „Menschliche Andenken vergangener Zeit“ interessiere ihn hier, so Wolfgang Bunzel. Goethe und die Juden – da gibt es nichts schönzureden. Sein Verhältnis zu ihnen ist mindestens ambivalent.

  Südwest Presse Ulm

Komisches aus Goethes Feder

 

Auch ein Dichterfürst greift mal daneben: Ein vergnüglicher Abend der Goethe-Gesellschaft mit "Goethes schlechtesten Gedichten" in der Theaterei.

Goethe-Jubiläen gibt es alle paar Jahre zu feiern. Walter Frei hält deshalb nicht hinter dem Berg und verweist offen auf die Entstehungszeit seines eher ungewöhnlichen Vortrags mit dem Titel "Goethes schlechteste Gedichte". Bereits im Jahr 1999 war's: Zu den Jubelfeiern aus Anlass des 250. Geburtstags des deutschen Dichterfürsten ist er entstanden.

Bühnenallrounder und -urgestein Frei (inzwischen 79 Jahre alt) kann auch ohne den Prinzipal der Theater Herrlingen, Wolfgang Schukraft, der kurzfristig passen musste. Wie Frei, seinen Goethe rezitierend, solistisch vors Publikum tritt, ist beeindruckend. Und unter eineinhalb Stunden macht er es nicht. Berufsehre. Dazu nur die allernötigsten Kommentare. Keine berserkerhaften Gesten, mit leiser Stimme und dezenter Mimik präsentiert er nuancenreich Komisches aus Goethes Feder. Kritiker jeder Provenienz kommen bei dieser Gelegenheit ausgiebig zu Wort.

Beeindruckend etwa, welche Elogen Erich Kästner oder Kurt Tucholsky dem Dichterfürsten 1932 (zum 100. Todestag) gewunden haben. Einerseits. Philologen halten sich dagegen gerne an spontanen Gelegenheitsgedichten fürs Poesiealbum auf, kritisieren Goethes Liebeslyrik, zerreißen seine Lebensführung von der Wiege bis zur Bahre. Wer Goethe nicht mag, der bezieht sich gern auf des Hallodris jugendlich-impulsive Ergüsse in Sachen Liebe und Wein, die selbstverständlich nicht immer nur großmeisterlich sein konnten.

 

Besonders köstlich der Bericht des Posthalters von Garching, dem der italienreisende große Herr aus Weimar die Sorgenfalten auf die Stirn treibt, aber auch die Parodien vom Erlkönig und dem volkstümlichen Röslein rot. In einem grotesken Bühnenstück tritt G. als "olympisches Monstrum" auf, das den weltlichen Fragen der Prüfungskommission zu Biografie und Werk, in eigener Sache also, nichts entgegenzusetzen hat.

 

Das alles und noch viel mehr hätte auch Ursula Heldmann gefallen, die langjährige Vorsitzende der Ulmer Sektion. Ihrer wurde an diesem Abend in besonderer Weise gedacht, sie starb vergangenes Jahr am 9. Oktober 2014.

 

Ulrich Schneider-Allgaier, Südwestpresse 10.10.2015